Pressemitteilungen und Berichte
04.06.2013
Immer mehr Kinder und Jugendliche leiden an chronischen Schmerzen – aber ihnen kann geholfen werden!
Deutsches Kinderschmerzzentrum aktiv beim „Aktionstag gegen den Schmerz“
Immer mehr Kinder und Jugendliche leiden unter chronischen Kopf-, Bauch- oder Muskel- und Gelenkschmerzen. Viele von ihnen gehen nicht mehr zur Schule, ziehen sich zurück und werden depressiv. Aber ihnen kann geholfen werden. Wie, das zeigen Rückmeldungen ehemaliger Patienten des Deutschen Kinderschmerzzentrums an der Vestischen Kinder- und Jugendklinik – Universität Witten/Herdecke, die anlässlich des bundesweiten Aktionstages gegen den Schmerz online gestellt werden.
Über 60 Patientengeschichten hat das Deutsche Kinderschmerzzentrum zur Veröffentlichung am Aktionstag gesammelt. Ehemalige Patienten, die im Deutschen Kinderschmerzzentrum auf der Kinderschmerzstation „Leuchtturm“ behandelt wurden, haben ihre Geschichte aufgeschrieben, um sie mit anderen Kindern und Jugendlichen zu teilen. „Mit den Geschichten möchten wir andere Kinder und Jugendliche mit chronischen Schmerzen motivieren, etwas gegen ihre Schmerzen zu tun“, erklärt Prof. Zernikow, Chefarzt des Deutschen Kinderschmerzzentrums. Die Geschichten werden am 4. Juni 2013 auf der Homepage des Deutschen Kinderschmerzzentrums veröffentlicht (www.deutsches-kinderschmerzzentrum.de).
Die Deutsche Schmerzgesellschaft e.V. macht am Aktionstag auf die lückenhafte Versorgung von Patienten mit chronischen Schmerzen aufmerksam. Immer mehr Kinder und Jugendliche leiden unter chronischen Schmerzen. Bleiben diese unbehandelt oder werden sie nicht erfolgreich therapiert, besteht das Risiko, dass die Schmerzen bis ins Erwachsenenalter bestehen. In Deutschland leben derzeit 350.000 Kinder und Jugendliche mit stark beeinträchtigenden chronischen Schmerzen. „Frühzeitige Therapie und damit die Verhinderung einer fortschreitenden Chronifizierung kann nicht nur das persönliche Leid lindern, sondern ist auch eine Voraussetzung für Bildung und Zukunft der Kinder und Jugendlichen, da erst, wenn die Schmerzen im Griff sind, wieder ein regelmäßiger Schulbesuch erfolgen kann“, erklärt Prof. Zernikow. Trotz der Dringlichkeit des Problems chronischer Schmerzen im Kindes- und Jugendalter und der besonderen Bedeutung frühzeitiger Intervention ist die Versorgungssituation für Kinder und Jugendliche mit chronischen Schmerzen in Deutschland unzureichend.
Bundesweit finden am Aktionstag in über 260 Praxen und Kliniken Aktionen, Infotage und Vorträge statt. Der diesjährige Aktionstag ist der zweite seiner Art, im letzten Jahr haben rund 30 Einrichtungen vor Ort mitgemacht, in diesem Jahr sind es über 260 Partner. Die mitwirkenden und unterstützenden Einrichtungen werden auf der Homepage der Deutschen Schmerzgesellschaft aufgeführt.
Ein Bild von Prof. Dr. Boris Zernikow bieten wir zum Download an unter:
http://www.deutsches-kinderschmerzzentrum.de/presse/bildmaterial/
Weitere Informationen:
Deutsches Kinderschmerzzentrum, Vestische Kinder- und Jugendklinik Datteln
Ann-Kristin Ruhe
E-mail: a.ruhe@deutsches-kinderschmerzzentrum.de
03.08.2012
Studie belegt Lücken in der Versorgung junger Schmerzpatienten in Deutschland
Überweisung an geschulte Kinderärzte erfolgt oft zu spät
Viele (Um)Wege führen zum Spezialisten: Mit bis zu 28 Ärzten hatten Kinder und Jugendliche mit chronischen Schmerzen Kontakt, bevor sie eine spezialisierte Behandlung erhalten. Und: Viele der jugendlichen Patienten nehmen Schmerzmedikamente ein, obwohl diese aus ärztlicher Sicht nicht zu empfehlen sind. Diese Ergebnisse der neuen Studie des Deutschen Kinderschmerzzentrums (DKSZ) werfen kein gutes Licht auf die Versorgung junger Schmerzpatienten in Deutschland.
Chronische Schmerzen, also Schmerzen, die über einen Zeitraum von drei Monaten dauerhaft oder wiederkehrend auftreten, sind ein häufiges Phänomen bei Kindern und Jugendlichen. Bei einem Teil dieser Kinder führen die Schmerzen zu hohen Beeinträchtigungen im Alltag – zum Beispiel steigenden Fehlzeiten in der Schule oder Schwierigkeiten, Kontakte zu Freunden aufrecht zu erhalten und Hobbys zu pflegen. Betroffen sind in Deutschland schätzungsweise 350.000 Kinder.
Der Weg zu einer spezialisierten Behandlung ist für viele der jungen Schmerzpatienten weit, wie nun eine Studie mit 2.249 Kindern und Jugendlichen belegt. Das Deutsche Kinderschmerzzentrum wertete die Daten aller Patienten aus den Jahren 2005 bis 2010 aus. Den Studienergebnissen zufolge hatten die Patienten im Durchschnitt bereits mit drei unterschiedlichen Ärzten Kontakt, ehe sie sich im DKSZ vorstellten. Mit zunehmendem Alter der Patienten stieg zudem die Zeitdauer zwischen Schmerzbeginn und dem Aufsuchen der Spezialisten kontinuierlich an. Bei 15-Jährigen vergingen im Durchschnitt etwa vier Jahre bis zum Besuch im DKSZ. „Je länger es dauert, bis chronische Schmerzen bei Kindern und Jugendlichen effektiv behandelt werden, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Entwicklung der Patienten nachhaltig gestört wird und sie massive Einbußen der Lebensqualität hinnehmen müssen“, sorgt sich Prof. Dr. Boris Zernikow, Chefarzt des Deutschen Kinderschmerzzentrums und Inhaber des Lehrstuhls für Kinderschmerztherapie und Pädiatrische Palliativmedizin der Universität Witten/Herdecke, mit Blick auf die Ergebnisse. „Es gibt wirksame Methoden, diese Schmerzen zu behandeln und den Kindern die Kontrolle zurück zu geben – aber das müssen geschulte Kinderärzte übernehmen, und zwar in einem möglichst frühen Krankheitsstadium.“ Die Versorgungsstrukturen in Deutschland, so Zernikow weiter, gäben allerdings eine kurzfristige, fachmännische und wohnortnahe Versorgung junger Schmerzpatienten häufig (noch) nicht her.
Viele der überwiegend weiblichen Patienten (60 Prozent Mädchen), die sich im DKSZ vorstellten, berichten über tägliche oder dauerhafte Schmerzen (43 Prozent) und sind dadurch in ihrem Alltag stark beeinträchtigt. Jedes vierte Kind verpasst aufgrund der Schmerzen mehr als ein Viertel des Schulunterrichtes. Außerdem sind ältere Kinder in der Regel stärker beeinträchtigt als jüngere. Die meisten Kinder hatten Kopfschmerzen (70 Prozent), gefolgt von Bauchschmerzen und Schmerzen des Bewegungsapparates. Bei der Aufrechterhaltung der Schmerzen spielen neben den körperlichen Faktoren auch psychosoziale Begleitumstände, wie z.B. Stress oder emotionale Belastung, eine wichtige Rolle.
Sorge bereitet den Schmerzexperten aus Datteln auch ein anderes Ergebnis der Studie: Drei Viertel der Kinder, die sich im DKSZ vorstellten, nahmen zum Zeitpunkt der Erstvorstellung Schmerzmedikamente ein. Die Ärzte sehen diese Entwicklung mit Skepsis: Sie empfehlen nur etwa der Hälfte dieser Kinder die Einnahme von Medikamenten, um die Schmerzen zu lindern. „Die Fehleinnahme von Schmerzmedikamenten kann verheerende Folgen haben – zum Beispiel gibt es Schmerzformen, bei denen Medikamente die Schmerzen noch verstärken. Dieser sogenannte medikamenteninduzierte Kopfschmerz verschärft die schon vorhandene Problematik dann noch zusätzlich“, so Zernikow.
Der Artikel wurde veröffentlicht im BMC Pediatrics http://www.biomedcentral.com/1471-2431/12/54/abstract.
Ein Bild von Prof. Dr. Boris Zernikow bieten wir zum Download an unter:
http://www.deutsches-kinderschmerzzentrum.de/presse/bildmaterial/
Kontakt:
Deutsches Kinderschmerzzentrum
Ann-Kristin Ruhe
Vestische Kinder- und Jugendklinik Datteln
Vodafone Stiftungslehrstuhl für Kinderschmerztherapie und Pädiatrische Palliativmedizin - Universität Witten/Herdecke
Dr.-Friedrich-Steiner Str. 5, 45711 Datteln
Tel: 02363-975-193
Email: a.ruhe@deutsches-kinderschmerzzentrum.de
05.06.2012
Janine (12 Jahre): „Mein ganzer Körper tut mir weh. Was habe ich bloß?“ – Fibromyalgie auch bei Kindern?
Ganzkörperschmerz ist seit einigen Jahren ein gängiger Begriff geworden, insbesondere für Erwachsene. Ärzte und Fachleute sprechen bei dieser Erkrankung von der sogenannten Fibromyalgie. Die einschlägigen Fachgesellschaften haben im Frühjahr diesen Jahres eine überarbeitete Therapieleitlinie für die Diagnostik und Therapie der Fibromyalgie erstellt. Aber was ist, wenn Kinder unter Schmerzen am ganzen Körper leiden? Leiden sie dann auch unter Fibromyalgie?
Die Antwort ist gar nicht so leicht. Sicherlich können Kinder unter Schmerzen am ganzen Körper leiden; das steht außer Frage. Aber handelt es sich dann auch um eine Fibromyalgie, die durch chronische Schmerzen in mehreren Körperregionen und Druckschmerz in sogenannten Tender Points (Druckpunkte, z.B. am Ellenbogen) inklusive Müdigkeit und Erschöpfung gekennzeichnet ist? Die ExpertInnen (insgesamt 50 aus 8 Arbeitsgruppen) sagen: „nein, nicht sicher“. Während die Diagnose im Erwachsenenalter gesichert ist, ist dies bei Kindern und Jugendlichen keinesfalls der Fall. Tatsächlich wurde bisher kaum überprüft, ob die Kriterien der Erwachsenen auch für Kinder und Jugendliche gelten, geschweige denn, ob man anhand dieser Kriterien tatsächlich Fibromyalgie bei Kindern sicher diagnostizieren kann. Die ExpertInnen sprechen daher vom „sogenannten juvenilen Fibromyalgie-Syndrom (sogenanntes JFMS)“, sogenannt, weil viele Forscher an die Existenz des Fibromyalgiesyndroms glauben und es so benennen.
Dieser Meinung konnten sich die deutschen Experten nicht anschließen. Federführender Autor der Leitlinie war der Lehrstuhlinhaber für Kinderschmerztherapie der Universität Witten/ Herdecke und Chefarzt des Deutschen Kinderschmerzzentrums, Prof. Dr. Boris Zernikow, er meint: „Trotz des Streites um den Namen der Krankheit, der eigentlich nebensächlich ist, dass diese Kinder an einem Ganzkörperschmerz leiden und einer spezialisierten Behandlung bedürfen, steht außer Frage“. Genau hinschauen, bevor man diagnostiziert, raten die ExpertInnen. Eine umfassende Diagnostik, die sowohl medizinische als auch psychologische Abklärungen einschließt, ist insbesondere bei Kindern unabdingbar. Andere Erkrankungen wie jugendliche (juvenile) Rheumaerkrankungen müssen ausgeschlossen werden. Psychische Erkrankungen, z.B. kindliche Angststörungen, die bei diesen Kindern sehr häufig zeitgleich bestehen können, müssen in der Therapie berücksichtigt werden. Erst bei der gesicherten Diagnose einer chronischen Schmerzstörung, so die ExpertInnen, wird eine multimodale spezialisierte Therapie empfohlen. Multimodal therapieren – d.h. nicht nur der Arzt behandelt, sondern ein Team aus KinderärztInnen, PhysiotherapeutInnen und Kinder- und JugendpsychotherapeutInnen ist für die Behandlung verantwortlich.
Das Deutsche Kinderschmerzzentrum hat sich auf die Behandlung von chronisch schmerzkranken Kindern und Jugendlichen spezialisiert, darunter auch Kinder, die unter Ganzkörperschmerzen leiden. Die Kinder lernen hier im Rahmen der multimodalen Schmerztherapie unter anderem, ihren Schmerz zu verstehen, selbstständig damit umzugehen und sich trotz bestehender Schmerzen zu bewegen.
Auch das 12-jährige Mädchen Janine leidet vermutlich unter einer chronischen Schmerzstörung und kann mit der Bezeichnung juveniles Fibromyalgie-Syndrom wenig anfangen. Doch ihr kann geholfen werden, so die ExpertInnen. Denn laut ihrer Analysen (sie haben mehr als 150 wissenschaftliche Studien durchforstet) zeigen erste Studien, dass es betroffenen Kindern nach multimodalen Interventionen besser geht. Trotzdem besteht Bedarf nach weiteren Erkenntnissen, z.B. nach klaren Diagnosekriterien für chronische Schmerzstörungen bei Kindern und Jugendlichen, und nach weiteren Therapiestudien, die bestätigen, dass diesen Kindern geholfen werden kann.
Die Leitlinie ist online unter www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/041-004l_S3_Fibromyalgiesyndrom_2012-04.pdf abrufbar.
Kontakt:
Ann-Kristin Ruhe, MScPH
Projektmanagement & Öffentlichkeitsarbeit
Vestische Kinder- und Jugendklinik Datteln – Universität Witten/Herdecke
Dr. Friedrich-Steiner-Str. 5, 45711 Datteln
Tel. 02363-975-193
E-Mail : A.Ruhe@deutsches-kinderschmerzzentrum.de
